Donnerstag, 22. Januar 2026

Wenn Grenzüberschreitungen als Liebe verkauft werden - Manga-Romantisierung von toxischem Verhalten



Mangas sind schon lange ein unterhaltsames Medium. Es sind grafisch erzählte Geschichten, die ihren Ursprung in Japan haben und große Beliebtheit haben. Es gibt, wie bei Bücher, vielfältige Genres und beinhalten auch ernste Themen, wie Krieg, Trauma, Psychologie, Horror und vieles mehr.

Mangas werden häufig noch immer als „Kinderkram“ verschrien, sind aber ein gleichwertiges Medium in der Buchbranche.

Aber grade deshalb ist es wichtig auch dieses Medium kritisch zu hinterfragen und nicht zu verharmlosen, weil es „nur gezeichnet“ ist und die Charaktere unschuldig aussehen, große Augen haben und Teenager sind.
In vielen Mangas gibt es ein ein wiederkehrendes Problem: Übergriffiges, kontrollierendes oder toxisches Verhalten wird häufig nicht als solches benannt, sondern als romantisch inszeniert.


Warum toxisches Verhalten in Mangas romantisiert wird


1. Dramatisierung statt Realität

Mangas arbeiten mit Überzeichnung. Gefühle werden visuell und emotional verstärkt, weil sie auf wenigen Panels maximale Wirkung entfalten sollen. Eifersucht wird zu Besitzdenken. Sorge wird zu Kontrolle. Leidenschaft wird zu Grenzüberschreitung.
Was im echten Leben alarmierend wäre, wird im Manga zur emotionalen Zuspitzung genutzt.


2. Machtgefälle als Spannungsträger

Ein häufiges Motiv ist das Ungleichgewicht: älter vs. jünger, erfahren vs. unerfahren, dominant vs. unsicher. Dieses Machtgefälle erzeugt Konflikt, Abhängigkeit und Intensität. Es sind klassische narrative Werkzeuge.

Problematisch wird es dann, wenn genau dieses Ungleichgewicht nicht reflektiert, sondern als „Beweis großer Liebe“ verkauft wird.


3. Kulturelle Erzählmuster

Viele Romance-Mangas greifen auf traditionelle Vorstellungen zurück:
– Der Mann ist beschützend, dominant, fordernd
– Die Frau ist zurückhaltend, anpassungsfähig, emotional abhängig

Diese Rollenbilder sind tief verwurzelt und werden oft nicht bewusst reproduziert, sondern weitergegeben, weil sie „immer schon so erzählt wurden“.

4.Fantasy als Schutzschild

Ein häufiges Argument lautet: „Es ist ja nur Fiktion.“
Und ja: Mangas sind Fantasie, genauso wie es Dark Romance Bücher sind. Dennoch geben sie emotionale Erwartungen und Narrative weiter, was Liebe „wertvoll“, „leidenschaftlich“ oder „erstrebenswert“ macht.


Wo genau beginnt das Problem?


Nicht jede problematische Handlung in einer Geschichte ist automatisch schlecht geschrieben. Entscheidend ist die Einordnung.

Kritisch wird es, wenn:

  • Übergriffiges und/oder aggresives Verhalten nicht hinterfragt und sogar entschuldigt wird
  • Grenzverletzungen folgenlos bleiben
  • Eifersucht als Liebesbeweis dargestellt wird
  • Manipulation als Fürsorge getarnt ist
  • „Nein“ ignoriert oder umgedeutet wird
  • Ein Partner Kontakte kontrolliert
  • Ein Partner droht das Handy zu zerstören, weil die Angebetete Nachrichten von Mitschüler bekommt
  • Die Angebetete sich traut aus dem Schnecken zu kommen und der Partner dadurch eifersüchtig wird -> Manipulation durch Emotionen und zurück in Isolation
  • Der Partner sich bewusst in gefährliche Situationen begibt, damit sie sich um ihn kümmern muss und aktuelle Aktivitäten abbrechen muss
  • Rückzug oder Angst werden ignoriert
  • Manipulation in ähnlichen Mustern von „Wenn ich mich benehmen soll, musst du mich belohnen“ (meist in Form von Nähe und Intimitäten)
  • Abhängigkeit wird als Liebe interpretiert
In einem Roman würde vieles davon sehr schnell als toxisch, problematisch, als Redflag oder zumindest mit einer Triggerwarnung eingeordnet werden.

Warum also der Unterschied?


Visuelle Romantisierung

Blicke, Panels, ästhetisierte Körper, dramatische Posen. All das überlagert die Handlung. Das Auge verzeiht, was der Text nüchtern benennen müsste.
Lesende sind es gewohnt, bestimmte Tropes zu akzeptieren, weil sie sie oft gesehen haben. Die jahrelange Wiederholung normalisiert das Muster.


Einordnung statt Verbannung

Es geht nicht darum, Mangas zu verbieten, zu zensieren oder pauschal zu verurteilen.
Es geht um medienkompetente Einordnung.
  • Wird problematisches Verhalten als solches erkennbar gemacht?
  • Gibt es Konsequenzen oder Reflexion?
  • Wird die betroffene Figur ernst genommen?
  • Wird „Leidenschaft“ über Zustimmung gestellt?
Fiktion darf dunkel, unbequem und problematisch sein. Aber sie sollte nicht unkommentiert so tun, als wäre Gewalt gleich Liebe.


Verantwortung endet nicht beim Medium

Warum Verlage und Lesende bewusster hinschauen sollten


In der Buchbranche hat in den letzten Jahren ein Umdenken eingesetzt. 
Content Notes, Triggerwarnungen und eine offenere Kommunikation über problematische Inhalte sind inzwischen keine Ausnahme mehr, sondern zunehmend Standard, besonders im Romance- und Dark-Romance-Bereich. 
Auch bei Themen, die nur kurz angekratzt werden, gibt es Triggerwarnungen, dass sie zur Sprache kommen, um Lesende ein gutes Leseerlebnis bieten zu können. Auch gibt es inzwischen Rufnummern in den Büchern für Betroffene oder falls sie Betroffene kennen, die selbst betroffen sind oder anderweitige Hilfe brauchen.

Diese Entwicklung zeigt: Verantwortung und künstlerische Freiheit schließen sich nicht aus.

Warum sollte also für Mangas etwas anderes gelten?

Verlage entscheiden, wie Geschichten präsentiert und eingeordnet werden. Eine problematische Beziehung kann Teil einer Geschichte sein, doch entscheidend ist, ob sie:
  • als problematisch erkennbar bleibt
  • nicht unreflektiert als Ideal verkauft wird
Hinweise auf problematische Inhalte, Warnungen oder eine kurze Aufklärung vor der Geschichte wären auch im Manga-Bereich ein wichtiger Schritt. 
Nicht um die Geschichte zu zensieren, sondern auch Lesende zu sensibilisieren und vor allem junge Lesende auf den Weg zu geben, dass das Verhalten problematisch ist.


Die Rolle der Lesenden


Viele Lesende kommen sehr jung mit Romance-Mangas in Kontakt. Für manche sind es die ersten Geschichten über Nähe, Begehren und Beziehung. Wenn Grenzüberschreitungen dort als Ideal dargestellt werden, fehlt oft der Gegenpol.

Hier ist Aufklärung wichtig, dass zwischen Erzählung und Realität Welten liegen.

Lesende tragen ebenfalls Verantwortung in Form von Reflexion:
  • Was wird hier erzählt?
  • Wie wird Verhalten bewertet?
  • Warum empfinde ich etwas als romantisch?
Gerade weil viele Mangas früh gelesen werden, ist ein bewusster Umgang entscheidend. Gespräche, ehrliche Rezensionen und kritische Auseinandersetzung sind dabei wichtig.


Gleiches Maß für alle Geschichten


Wenn wir in Romanen zunehmend über toxische Dynamiken sprechen, sollten wir diesen Maßstab nicht fallen lassen, nur weil eine Geschichte illustriert ist.
Eine problematische Beziehung bleibt problematisch, egal ob sie in Textform oder in Panels erzählt wird.

Mangas sind kein Feindbild. Sie sind ein Spiegel von Erzähltraditionen, kulturellen Mustern und emotionalen Fantasien.
Doch genau deshalb brauchen sie Kontext.

Nicht jede intensive Liebe ist gesund.
Nicht jede Eifersucht ist romantisch.
Nicht jede Grenzüberschreitung ist Leidenschaft.

Und manchmal hilft eine einfache Frage weiter: Würden wir das auch dann noch romantisch finden, wenn es kein Manga wäre, sondern Realität?



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